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Genetische und persönliche Identität bei Zwillingen

ausgearbeitetes Referat zur Übung "Die Entwicklung des Selbst"

vom 10.12.97 von Lars Kobbe, 1. Semester Psychologie

Zusammenfassung

Die psychologische Zwillingsforschung untersucht den Einfluß von Umwelt und Erbanlagen auf die Entwicklung von Menschen. Eineiige Zwillinge entwickeln sich aus der Teilung einer befruchteten Eizelle und sind mit nahezu identischen Erbanlagen ausgestattet. Das geschieht weltweit bei nur 0,3% bis 0,4% aller Geburten. Zweieiige Zwillinge entwickeln sich aus der gleichzeitigen Befruchtung zweier Eizellen durch je eine Samenzelle. Die Häufigkeit dieses Ereignisses unterliegt Schwankungen durch kulturell bedingte Dispositionen zum multiplen Eisprung sowie Hormonbehandlungen und Fetozid. Die Geburt der weltweit 1,1% bis 1,2% Zwillinge beinhaltet ein hohes Risiko (3-fache Geburtssterblichkeit und 30% Steißlagengeburten) und ein durch die verkürzte Schwangerschaft (etwa drei Wochen) begründetes Defizit in der Entwicklung (Größe und Gewicht) bis zum 5. Lebensjahr. Durch die ungewöhnliche Mutter-Kind-Beziehung erfahren Zwillinge ein weniger direktes mütterliches Verhalten (triadische Sprachlernumwelt), das sich negativ auf die Entwicklung ihrer sprachlichen Fähigkeiten auswirkt (Zwillinge haben eine um etwa 6 Monate verzögerte Sprachentwicklung). Die Betonung der individuellen Unterschiede von Zwillingen ist für ihre positive Identitätsbildung von großer Bedeutung. Dennoch werden meist Gemeinsamkeiten durch z.B. gleiche Kleidung und Frisur hervorgehoben.

Einleitung

Zwillinge gelten in der Gesellschaft als biologisches Wunder. Sie werden aufgrund ihrer physischen Ähnlichkeit bestaunt und mit Vorurteilen wie "Zwillinge sind unzertrennlich" und "Zwillinge sehen nicht nur gleich aus, sondern denken auch gleich" behaftet. Über die psychologische Zwillingsforschung konnten viele Vorurteile widerlegt oder begründet werden. Ziel der Forschung ist die Erklärung, inwiefern und warum Zwillinge anders sind als Geschwister- und Einzelkinder. Für eine solche Untersuchung ist es erst einmal wichtig, die biologischen Ursachen und Entwicklungsfaktoren zu berücksichtigen. Deswegen widmet sich das Referat zunächst den Themen "Entstehung von Zwillingen", "Die Bestimmung der Eiigkeit", "Häufigkeit von Zwillingsgeburten" und "Erblichkeit der Zwillingsschaft".

Aus psychologischer Sicht sind zunächst beobachtbare Abweichungen in der Entwicklung interessant. Verschiedene Tests ermittelten, daß Zwillinge weniger intelligent und sprachlich weniger weit entwickelt sind als vergleichbare Einzel- und Geschwisterkinder. Dieser Hypothese wird ebenso auf den Grund gegangen, wie der Frage nach der Identitätsbildung bei Zwillingen. Viele Zwillinge benutzen einen Namen, der sie beide bezeichnet (ein sogenannter Dual). Zusammen mit der Beobachtung, daß Zwillinge oft sogar die gleiche Kleidung tragen, ergibt sich für Psychologen die Frage, ob Zwillinge eine andersartige Identität entwickeln als dies bei Einlingen der Fall ist. Den Schwerpunkt des Referats bildet die Familiensituation, denn um Besonderheiten von Zwillingen zu verstehen, muß ihre Situation innerhalb der Familie und damit besonders ihre Beziehung zur Mutter genauer betrachtet werden.

1. Biologische Ursachen

 

1.1 Die Entstehung von Zwillingen

Es gibt zwei unterschiedliche Fälle, die zu einer Zwillingsschwangerschaft führen:

1) Der multiple Eisprung. Eine befruchtete Eizelle teilt sich und gibt damit identische Erbanlagen an die andere Eizelle weiter. Aus den Eizellen entwickeln sich so eineiige (monozygote) Zwillinge.

2) Zwei Eizellen werden gleichzeitig befruchtet und entwickeln sich zu zweieiigen (dizygoten) Zwillingen. Sie teilen in etwa die Hälfte ihrer Erbanlagen und sind sich damit genetisch so ähnlich wie Geschwister.

 

1.2 Die Bestimmung der Eiigkeit

Zur Bestimmung der Zygosität bei Zwillingen gibt es verschiedene Methoden. Die bekanntesten sind Ähnlichkeitsvergleiche (z.B. anhand der Nasen- und Augenbrauenform oder der Körpergröße), Analyse der Fingerabdrücke sowie eine DNA-Analyse von Zellen aus der Mundschleimhaut.

Interessanterweise haben Fingerabdrücke eineiiger Zwillingen eine Korrelation von ungefähr .95, währen diese bei zweieiigen Zwillingen nur bei .49 liegt. Die Ausprägung der Fingerbeerenmuster unterliegt jedoch nicht nur genetischen Aspekten, sondern auch die Durchblutung und variierende Druckverhältnisse im Mutterleib spielen eine Rolle.

Eine vollständige DNA-Analyse würde mit heutiger Technik ca. 300 Jahre dauern, so daß man nur einen Teil eines Genoms analysiert. Das ist zwar hinreichend, um die Zygosität und Verwandtschaft festzustellen, aber beweist nicht, daß eineiige Zwillinge 100% identische Erbanlagen besitzen.

1.3 Häufigkeit von Zwillingsgeburten

Etwa jede 85.Geburt ist eine Zwillingsgeburt (1,1% - 1,2%). Zum Vergleich: Zwillingsgeburten in Japan liegen im Verhältnis zu Einzelgeburten bei 1:160, bei den Yoruba in Nigeria jedoch bei 1:22. Für diese Unterschiedlichkeit gibt es wohl zwei Gründe: Einmal scheint es eine genetisch bedingte unterschiedliche Disposition zum multiplen Eisprung bei Frauen zu geben. Der zweite Faktor ist das biologische Alter der Mutter, sowie die Anzahl vorangegangener Geburten. Die Wahrscheinlichkeit für eine Zwillingsgeburt steigt mit dem Alter der Mutter an. Die unterschiedliche Häufigkeit betrifft jedoch nur zweieiige Zwillinge. Die Prävalenzrate eineiiger Zwillinge liegt weltweit bei 0,3% bis 0,4%.

 

1.3.1 Hormone und Fetozid

Die Hormonbehandlung bei weiblicher Unfruchtbarkeit hat als Nebeneffekt die erhöhte Wahrscheinlichkeit (ca. 50% statt 1,2%) einer Mehrlingsschwangerschaft. Diesem Effekt wird durch Fetozid entgegengewirkt, d.h. durch das gezielte Abtöten einzelner Föten, um die Entwicklung und Überlebenschancen eines Fötus zu fördern.

 

1.3.2 Prä- und Perinatale Einflüsse

Im Vergleich zu Einzelgeborenen ist die vor- und nachgeburtliche Entwicklung bei Zwillingen besonders belastet. Raum- und Nährstoffangebot im Mutterleib müssen sich die Zwillinge teilen. So besteht die Gefahr einer Unterversorgung einzelner Körperteile und Organe. Die Schwangerschaft ist im Durchschnitt um ca. drei Wochen kürzer als die von Einlingen. Außerdem sind schwierige Geburtslagen bei Zwillingen häufiger, z.B. die Steißlage mit über 30% im Vergleich zu ca. 3% bei Einzelgeborenen. Das zweitgeborene Kind ist mehr gefährdet wegen der schlechteren plazentaren Durchblutung nach der Geburt des ersten Kindes und der damit verbundenen schlechteren Sauerstoffversorgung. Das Risiko, bei der Geburt zu sterben, ist sowohl für die Mutter als auch für die Neugeborenen mehr als dreimal so hoch wie bei der Geburt von Einlingen. Nach bis zu 5 Jahren sind Rückstände bezüglich der Körpergröße und des Körpergewichts (das Geburtsgewicht liegt ein Kilogramm unter dem von einzeln geborenen Kindern) zu erkennen. Danach holen Zwillinge ihre Rückstände schnell auf.

 

1.4 Erblichkeit der Zwillingsschaft

Lil´in & Gindilis (1976, zitiert nach Wagner) haben in ihren Untersuchungen herausgefunden, daß das Auftreten von ein- und zweieiigen Zwillingen beiderseits zu etwa 50% erblich bedingt ist. Bei zweieiigen Zwillingen scheint nur die Mutter einen genetischen Einfluß zu nehmen. Bei eineiigen Zwillingen spielen die männlichen und weiblichen Erbanlagen die gleiche Rolle. Es gibt wohl kein eindeutiges "Zwillingsgen", denn es scheinen mehrere Gene gemeinsam für die erbliche Komponente der Zwillingsschaft verantwortlich zu sein.

 

2. Die Entwicklung von Zwillingen im Vergleich zu Einlingen

 

2.1 Psycholinguistische Entwicklung

Day (1932, zitiert nach Wagner) stellte in einer Untersuchung fest, daß Zwillinge im Vergleich zu Einzelkindern weniger sprechen, und daß die Qualität ihrer Sprache einem früheren Entwicklungsniveau entspricht. Nach Mittler (1970, zitiert nach Wagner) sind Zwillinge (unabhängig von ihrer Zygosität) in ihrer Sprachentwicklung gegenüber Einlingen um etwa sechs Monate verzögert.

Von großer Bedeutung für die psycholinguistischen Defizite ist die besondere Sprachlernumwelt von Zwillingen. Zwillinge erfahren aus der triadischen Interaktion keine typische Sprachlernumwelt, so daß bei jungen Zwillingskindern der Spracherwerb langsamer als bei Einlingen des gleichen Alters abläuft. Jeder der Zwillinge erfährt weniger an ihn direkt gerichtete mütterliche Äußerungen und seine Gesprächsinhalte werden seltener von der Mutter aufgegriffen (Tomasello, Mannle und Kruger, 1986, zitiert nach Wagner).

Daraus kann man schließen, daß die Dyade die Interaktionssituation ist, die den Spracherwerb entscheidend in Gang setzt.

 

2.2 Intelligenz

Anhand zahlreicher Untersuchungen stellte man besonders bei eineiigen Zwillingen einen IQ-Rückstand von 4 bis 7 Punkten (Amelang & Bartussek, 1990, bzw. Zazzo, 1960, zitiert nach Wagner) über verschiedene Altersstufen (bis zu 11 Jahren) und über unterschiedliche sozioökonomische Schichten hinweg fest. Dieses Defizit scheint jedoch nur im verbalen Bereich der Intelligenztests aufzukommen (Koch, 1966, zitiert nach Wagner).

2.3 Zusammenfassung

Obwohl Zwillinge einen geringeren IQ haben, sind sie nicht dümmer als andere Kinder. Der IQ drückt lediglich den momentanen Entwicklungsstand aus und macht keine Angaben über die Klugheit von Kindern. Bei Zwillingen wurde ein sprachlicher Entwicklungsrückstand festgestellt, dessen Ursache in der ungewöhnlichen, triadischen Sprachlernumwelt der Zwillinge vermutet wird.

 

3. Die Entwicklung der Identität

 

3.1 Geschwisterliche Beziehungen

Piaget (1965, zitiert nach Wagner) beschreibt die Beziehung zwischen Kindern als entscheidend dafür, ein besseres Verständnis und Empathie für sich selbst und den anderen zu entwickeln. Dunn erwähnt in dieser Hinsicht ein beschützendes Verhalten von älteren Kindern für jüngere Geschwister welches in bestimmten Situationen auftritt. Auch Zwillinge zeigen dieses sich gegenseitig unterstützende Verhalten gegenüber einer fremdartigen Situation. Bei Zwillingen wird die besondere Geschwisterbeziehung noch dadurch gekennzeichnet, daß sich zwischen ihnen oft eine Geheimsprache entwickelt. Typisch für Geschwister allgemein ist, daß sich gleichgeschlechtliche Geschwister häufiger imitieren und zwischen ihnen auch mehr freundliche Interaktionen stattfinden.

 

3.2 Das Selbst in der Sprache

Kinder fangen meist mit der Benutzung von Personennamen im Sprachgebrauch an. Pronomen werden erst später benutzt, da sie in unterschiedlichen Situationen verschieden gebraucht werden (Deixis) und damit schwieriger zu verwenden sind. Geschwisterkinder scheinen in dieser Hinsicht viel von älteren Geschwistern zu lernen, denn sie benutzen Pronomen viel früher als vergleichbare Einzelkinder. Zwillinge liegen im Entwicklungstempo zwischen Einzel- und Geschwisterkindern. Clara und William Stern (1907, zitiert nach Wagner) vermuten den Grund darin, daß es unter Geschwistern (also auch unter Zwillingen) zu Konkurrenzsituationen kommt, in denen die Geschwisterkinder lernen müssen, sich zu behaupten, während dies bei Einzelkindern selten der Fall ist.

Eine Besonderheit bei Zwillingen ist die häufig vorkommende Verwendung eines Duals, d.h. eines Namens, mit dem beide Zwillinge gemeint sind. Dies läßt darauf schließen, daß Zwillinge eine Art von gemeinsamer Identität entwickeln und sich also ihrer besonderen Geschwisterbeziehung bewußt sind.

 

3.3 Das Wiedererkennen als Indiz für ein Selbstbewußtsein

Kinder müssen eine Vorstellung von sich selbst haben, um sich zu benennen. Das Wiedererkennen und Benennen in einem Spiegel gibt Hinweise darauf, wann ein Kind vermutlich ein Bewußtsein über sich selbst erlangt. Man fand heraus, daß eine graduelle Entwicklung stattfindet, die unabhängig davon ist, ob ein Kind mit oder ohne Geschwister aufwächst. Während sich nach Lézines (1951) 68% der Einlinge im Alter von 24 Monaten mit dem eigenen Namen benennen, sind dies bei den Zwillingen nur 40%. Das läßt sich damit erklären, daß Zwillinge in ihrem Spiegelbild ihren Bruder bzw. ihre Schwester sehen und ihnen das Selbsterkennen dadurch schwerer fällt.

 

3.4 Zusammenfassung

Zwillinge sind sich ihrer besonderen Geschwisterschaft bewußt und zeigen dies durch die Verwendung eines Duals. Sie müssen sich gegenüber ihrem Geschwisterzwilling durchsetzen lernen und steigen so früher in den Pronominalerwerb ein als vergleichbare Einlinge ohne Geschwister. Zwillinge benennen sich vor dem Spiegelbild erst spät mit dem eigenen Namen.

 

4. Die besondere Mutter-Kind-Beziehung

 

4.1 Mütterliche Einstellungen zu Mehrlingsgeburten

Die Ergebnisse einer Studie von Goshen - Gottstein aus Jerusalem (1980, zitiert nach Wagner) zeigen, daß Mütter von Zwillingen, egal wie überrascht sie darüber waren, Zwillinge zu bekommen, nach kurzer Zeit mit Wärme und Hinwendung auf ihre Kinder reagieren konnten. Viele der Mütter genossen sogar die zusätzliche Aufmerksamkeit durch die Zwillingsgeburt. Es spielte eine besondere Rolle, ob die Schwangerschaft erwünscht war oder nicht. Bei starkem Kinderwunsch waren Frauen glücklich darüber, Zwillinge zu haben.

Eine andere Situation zeigte sich bei Müttern von Drillingen und Vierlingen. Diese zeigten eher negative Reaktionen auf die Kinder, wenn sie nicht auf eine Mehrlingsgeburt vorbereitet waren. Bei Müttern von Vierlingen kam oft große Scham in der Öffentlichkeit dazu. So gingen sie oft nicht gemeinsam mit ihren Kindern in die Öffentlichkeit, sondern teilten die Kinder zwei zu zwei mit ihrem Mann auf.

 

4.2 Mütterliche Beziehung zu Zwillingskindern

Hay und O’Brien (1987, zitiert nach Wagner) zeigen in einer Studie, daß die Geburtsfolge und das Geburtsgewicht bei Zwillingen einen Einfluß auf die mütterliche Beziehung zu ihren Kindern hat. So zeigte sich, daß Mütter auf ihr erstes Kind bzw. das schwerere Kind positiver reagieren. In Fällen, in denen die Kinder nicht zugleich nach Hause kamen, stellte man ebenfalls fest, daß das erste Kind bevorzugt wurde. Dabei spielte der Gesundheitsstatus des "späteren" Kindes keine Rolle. Hay und O’Brien stellten fest, daß diese Kinder nicht mehr oder gravierendere medizinische Probleme als vergleichbare Einzelkinder hatten. Es schien eher so, daß die Mutter sich mit einem Kind eingerichtet hatte und es nun ausgesprochen schwierig fand, eine entsprechende Beziehung zum zweiten Kind aufzubauen.

Die Autoren befragten ebenfalls die Lehrer von den zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause gekommenen Zwillingen. Dabei wurde deutlich, daß sich noch im Schulalter Auswirkungen zeigten. So waren diese Zwillingskinder depressiver, schüchterner und hatten mehr Probleme in sozialen Situationen mit Gleichaltrigen.

 

4.3 Mütterliches Verhalten

In Interaktionsstudien von Bornstein und Ruddy (1984, zitiert nach Wagner) an Einzelkindern und Zwillingspaaren im Alter von 4 Monaten fanden die Autoren keine Hinweise darauf, daß sich Zwillinge in ihren kindlichen Fähigkeiten von Einzelkindern unterscheiden. Was jedoch auffiel, war das mütterliche Verhalten in zwei Bereichen: Zwillingsmütter ermutigen erstens ihre Kinder weniger zur Erkundung der Umwelt (nur halb so häufig wie Mütter von Einzelkindern), und sie sprechen zweitens weniger zu ihren Kindern. Die Autoren stellten fest, daß die Zwillinge im Alter von 12 Monaten dann nur halb so viele Worte im Wortschatz hatten im Vergleich zu den Einzelkindern. Das zeigt, daß das mütterliche Verhalten einen großen Einfluß auf die frühe Sprachentwicklung hat. Von größter Bedeutung scheint auch hier wieder die triadische Sprachlernumwelt zu sein: Es zeigte sich, daß Zwillingsmütter im Vergleich zu Einlingsmüttern weniger Dialoge mit ihren Kindern führten, sondern eher Äußerungen machte, die sich auf beide Kinder beziehen konnten. Das wurde beim Betrachten von Bilderbüchern besonders deutlich.

 

 

4.3 Mütterliches Verhalten (Fortsetzung)

Die Studie von Goshen - Gottstein aus Jerusalem (1980, zitiert nach Wagner) gibt Beispiele dafür wie unterschiedlich sich Mütter zu ihren Zwillingen verhallten können: Allgemein waren alle Mütter bemüht, viele Dinge gleichzeitig mit den Kindern durchzuführen. So wurden Mehrlinge vom selben Teller gefüttert, obwohl ein Kind Fieber hatte. Ebenfalls wurde das selbe Taschentusch für alle Kinder benutzt. Durch das ständige Behandeln der Kinder als Einheit, hatte die Mutter kein Gespür für die individuellen Unterschiede ihrer Kinder. So wurden weiter entwickelte Kinder durch Kinder, die in ihrer Entwicklung zurück waren, in der Weiterentwicklung gebremst. In einem Fall fütterte eine Vierlingsmutter ihren Kindern weiterhin gematschtes Obst, obwohl nur ein Kind noch keine Zähne hatte.

Die Nichtbeachtung der individuellen Unterschiede und eine Überbetonung der Gleichheit bzw. Ähnlichkeit führte auch teilweise dazu, daß selbst Familienmitglieder nicht in der Lage waren, die Kinder auseinanderzuhalten. Die Zwillinge einer Mutter, die Unterschiede ihrer Kinder zu minimieren versuchte, reagierten noch im Alter von 3;0 Jahren auf beide Namen. Das wertet die Autorin als Beleg dafür, daß eine Ähnlichkeitsunterstützung sich in einer Verzögerung der Individuation auswirkt.

Es gab aber auch eine Mutter, die viel Wert darauf legte, alle drei Kinder zu unterscheiden. Sie gab ihnen unterschiedliche Kleidung, unterschiedliche Frisuren (Haarlänge) und gab sie zu unterschiedlichen Personen in die Betreuung, falls sie sich nicht selber um ihre Kinder kümmern konnte. Etwa im Alter von 3;6 Jahren waren die Drillinge an den eigenen Namen so stark interessiert, daß sie darauf bestanden ihren Namen von den Versuchsleitern bei ihren Beobachtungen aufzuschreiben. Sie konnten ihren Namen mühelos wiedererkennen und waren ebenso an dem Namen und den Besonderheiten (Eigenarten) der Versuchsleiter interessiert.

 

4.4 Zusammenfassung

Das Problem an Mehrlingsfamilien ist darin zu sehen, daß es für die Mutter (als Hauptbezugsperson) sehr schwierig ist, sich mit jedem ihrer Kinder zu identifizieren. So sind alle Mütter von Zeit zu Zeit ambivalent ihren Kindern gegenüber, aber bei Mehrlingsmüttern ist die Ambivalenz verstärkt gegeben und negative Gefühle sind häufiger anzutreffen. Die Identifikationsprobleme können dazu führen, daß ein Kind vernachlässigt wird oder sich vernachlässigt fühlt. Eine solche Beziehung wirkt sich über lange Jahre auf die Entwicklung des Kindes aus. Zwillingsmütter bemühen sich, möglichst viele Dinge mit beiden Kindern zugleich zu machen. Das führt oft dazu, daß sie sich weniger direkt auf die Äußerungen ihrer Kinder beziehen und damit ihre sprachliche Entwicklung hemmen. Diese triadische Sprachlernumwelt wird zudem meist nicht als Hindernis erkannt.

 

Diskussion

 

Von den vier behandelten Themen sind zwei Bereiche wohl ausreichend geklärt worden: Die biologischen und die erziehungsbedingten Einflüsse auf die Entwicklung von Zwillingen. Bei den Studien zur psycholinguistischen Entwicklung vermisse ich Untersuchungen über Zwillinge, die getrennt voneinander aufwachsen. Ich nehme an, daß getrennt aufwachsende Zwillinge im Spracherwerb keine besondere Verzögerung zeigen, da sie eine dyadische Sprachlernumwelt erfahren. Ebenfalls fehlen Untersuchungen über den Einfluß von älteren oder jüngeren Geschwistern auf den Spracherwerb. Es ist nicht auszuschließen, daß Zwillingseltern mehr als zwei Kinder haben. Bei den Identitätsstudien vermisse ich die Frage, wie sich bei Zwillingen das Betrachten des eigenen Spiegelbildes auf die Identitätsbildung auswirkt. Was bedeutet diese Erfahrung für die individuelle bzw. die gemeinsame Identität? Wie empfindet ein Zwilling die Tatsache, daß es kein individuelles Aussehen hat? Sieht ein Zwilling Unterschiede, die einem anderen Betrachter nicht auffällig sind? Das sind einige interessante Fragen, die durch Interviews der Zwillinge in verschiedenen Altersstufen (Längsschnittsstudien) beantwortet werden könnten. Insgesamt haben die Studien jedoch einen guten Beitrag zur Klärung von Erziehungsproblemen geleistet. So ist die individuelle Betreuung und Förderung als besonders günstig für die weitere Entwicklung zu sehen. Die stereotypischen Zwillinge dienen also als schlechtes Vorbild.

  

Persönliche Anmerkung:

Mein Referat stützt sich im Wesentlichen auf Angela Wagners Dissertation. Große Teile meiner Ausarbeitung (1.0 bis 4.4) sind sogar direkte Zitate aus ihrer Arbeit. Da ich den Hauptteil meines Referates als Zusammenfassung ihrer Dissertation sehe, bitte ich um Verständnis dafür, ihre Ausführungen nicht als zitiert gekennzeichnet zu haben.

 

Literaturverzeichnis:

Wagner, Angela (1996). Die Entwicklung der Personenreferenz. Unveröffentliche Dissertation, Technische Universität Braunschweig

Deutsch, W., Burchardt, R. und Wagner A. (1997). Zwillingsforschung einmal anders. Unveröffentliches Manuskript